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Wittgensteiner Livejournal

Ein Wittgensteiner (Roland Treude) auf Abwegen


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Anders Tschernobyl: "Ewigkeitsnote" - "Tschernobyl ist überall"
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Zum 30. Jahrestag von Tschernobyl musste ich auch wieder an das Interview mit Günther Anders in der natur vom 12.12.1986 denken, das Manfred Bissinger mit ihm geführt hatte (Nochmal erschienen in: Anders, Günther (1987): Gewalt – ja oder nein. Eine notwendige Diskussion. Herausgegeben von Manfred Bissinger. München: Knaur). Man muss sich einfach diese Passagen immer wieder neu über der Zunge zergehen lassen:
Bissinger: Nach dem Super-GAU von Tschernobyl ist die Welt schnell wieder zur Tagesordnung übergegangen, und auf der steht Atom weiter ganz obenan. Von Abkehr reden und denken nur noch die Oppositionellen, die, die das immer schon getan haben. Sie, Günther Anders, sind zwei­fellos einer ihrer geistigen Väter. Hatten Sie sich eigentlich vom Tschernobyl-Schock mehr erwar­tet?

Anders: Es ist unsere Aufgabe - und ich habe versucht, dieser Aufgabe nachzukommen -, es ist notwendig, diesem Schock eine »Ewigkeitsnote« zu geben. Wir dürfen nicht müde werden, den Leuten zu sagen: schaut, so etwas kann immer wieder passieren. Und das nicht nur deshalb, weil die russische Technik der westeuropäischen oder der amerikanischen unterlegen sei. Auch im Westen sind schon sehr viele Dinge schiefgegangen, und das kann sich jederzeit wiederholen, besonders in Frankreich, das ja besät ist mit den verschiedensten atomaren Installationen. Ich bin dafür, aus Tschernobyl - wie zynisch das auch klingen mag - ein Symbol zu machen, ebenso, wie aus Hiroshima, so wie ich es jedenfalls versucht habe, ein Symbol zu machen. Es war vollkommen berechtigt, daß hinter meinem Rücken aus meiner Parole »Hiroshima ist überall« der Satz »Tschernobyl ist überall« gemacht worden ist. Dieser zweite Satz hat sogar noch einen stärkeren Sinn als der erste: »Hiroshima ist überall« hatte bedeutet: »Was in Hiroshima passiert ist, das kann an jedem anderen Ort auf dem Globus auch passieren.« »Tschernobyl ist überall« bedeutet dage­gen: Wenn an einem einzigen Ort wie Tschernobyl ein Unglück eintritt, dann kann dieses überall miteintreten, nämlich alle Punkte der Erde erreichen. Dann wird es gewissermaßen zur »Seuche«.
Das ist fast 30 Jahre her, dass Günther Anders das sagte! Heute müssten wir das um Belgien erweitern, aber auch viele weitere Länder, die nach wie vor auf Atomkraftwerke setzen.

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