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Wittgensteiner Livejournal

Ein Wittgensteiner (Roland Treude) auf Abwegen


Nagel, der auf Düsseldorf trifft
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Hier trifft wohl eher der Nagel auf Düsseldorf als dass der Nagel auf den Kopf getroffen wird?


Friedhof: Kein Einstieg?
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Beim Longericher Friedhof dieses Schild der Straßenbahn gesehen:

Es stellte sich mir die Frage, ob es zum Longericher Friedhof nur einen Ausstieg gibt?
Oder wird das zum Abstieg?
Auch ein Aufstieg wäre denkbar, vorausgesetzt, die Himmelfahrt würde stattfinden.


Mahan Esfahani: Steve Reich 'Piano Phase': "What are you afraid of"
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wittgensteiner
Heute in einem Cembalo-Konzert von Mahan Esfahani gewesen:

Mahan Esfahani Cembalo
Concerto Köln

Johann Sebastian Bach
Chromatische Fantasie und Fuge d-Moll BWV 903 (1714/1730) für Klavier

Fred Frith
Episodes (2007) für Barockensemble

Johann Sebastian Bach
Konzert für Cembalo, Streicher und Basso continuo d-Moll BWV 1052

Pause

Henryk Mikołaj Górecki
Konzert für Cembalo (oder Klavier) und Streicher op. 40 (1980)

Steve Reich
Piano Phase (1967) für zwei Klaviere oder Marimbaphone
Piano Phase wird gespielt in einer Version für Cembalo und Tonband

Carl Philipp Emanuel Bach
Konzert für Cembalo und Streicher d-Moll Wq 23 (1745–48)
http://www.koelner-philharmonie.de/veranstaltung/115506/

Besonders heute ich mich auf Fred Frith, Henryk Mikolaj Gorecki und Steve Reich gefreut.

Nach der Pause wurde zuerst Goreckis Konzert für Cembalo vorgetragen. Für mich dann typisch Gorecki. Ich stelle es mir äußerst schwer zu spielen vor.

Danach ergriff Mahan Esfahani ein Mikrofon, um auf Englisch zu erläutern, was es mit Piano Phase von Steve Reich auf sich habe.
Als er die Noten gesehen habe, habe er es so empfunden, als müsste er gegen sich selbst spielen.
So erklärte er, warum ein Tonband das eine Cembalo abspielte, während er dazu spielen wollte.
Dazu bat er uns, uns 2 Blätter vorzustellen, auf denen jeweils die Zahlenfolgen 1, 2, 3, 4, ... aufgetragen seien.
Nur würde dann das zweite Blatt nicht bei 1, sondern bei 2 beginne, um im nächsten Durchlauf bei 3 des ersten Blattes zu beginnen, und wiederum im nächsten Durchlauf eine Ziffer höher, der 4 des ersten Blattes.
Auch verglich er diese Musik auch mit Computermusik.

Schließlich setzte er sich einen Kopfhörer auf und startete den früher eingespielten Teil von Piano Phase, um mit 1 auf 2 sein Livespiel dazu zu spielen.

Es war faszinierend, mit welcher Präzision er zeitversetzt das zweite Spiel zum ersten Spiel einfügen konnte, wie zwei Zahnräder eines Uhrwerkes, die ineinander greifen, das eine das andere antreibt und dabei doch unterschiedlich schnell laufen. Beeindruckend, die ein zusätzlicher Rhythmus und eine zusätzliche Melodie in der Interferenz dieser beiden Parts sich entwickelte, zurück entwickelte und auch neue Facetten dabei zeigte.

Leider wurde das Publikum dabei immer unruhiger. Als ob diese Musik den Hustenreiz des sowieso schon hustenden und schnupfenden Auditoriums auslösen würde.
Doch es war nicht nur das Husten und Schnupfen, das immer stärker wurde, sondern auch noch das Sprechen.
Irgendwann fingen die ersten an zu klatschen, dass Mahan Esfahani zu spielen aufhören solle.
Zunächst blieb er unbeeindruckt und spielten mit der Präzision eines Uhrwerkes weiter.
Meine erste Assoziation war, dass er die Unruhe im Auditorium nicht mitbekommen habe, weil er den Kopfhörer aufgesetzt hat.

Ein paar Takte später setzte er das Spiel ab, nahm den Kopfhörer herunter und schnappte sich das Mikrofon:
"What are you afraid of?" fragte er uns.
Er käme aus einem Land, in dem Musik so nicht vorgetragen werden dürfe.

Dieser Part von Steve Reich Piano Phase wurde dann von ihm abgebrochen. Teile das Auditorium war ja lautstark empört, störten das Spiel.

Zuvor hatte ich hinter mir abonnierte Bildungsbürger gehört, die sich beschwert haben, dass Mahan Esfahani auf Englisch die Einführung in Steve Reich Piano Phase gegeben habe. Wir seien in Deutschland.
Einen vergleichbaren Wortlaut habe ich dann auch draußen im Foyer noch einmal gehört. Er hätte das auf Deutsch erklären und ansonsten einen Dolmetscher engagieren sollen.

Bin immer noch fassungslos, was da in der Philharmonie mit den Abonnenten des Bildungsbürgertums abging.
Ich hätte nie gedacht, dass in einem "klassischen" Konzert sich das Publikum derart pöbelhaft verhalten würde.

Ok, mir ist sehr wohl bewusst, dass Musik nicht nur die Stimmung, sondern auch das Verhalten von Menschen beeinflussen kann.
Doch dass Piano Phase von Steve Reich derart provoziert, hätte ich nie und nimmer erwartet, schon gar nicht von den (vermeintlich) kulturell interessieren.
Ich habe Steve Reich doch schon selbst in der Philharmonie hören können und wir, das Publikum waren begeistert.

Was ist das nur für eine Zeit, in der sich immer mehr nur enthemmt verhalten?
Wo bleibt die Zurückhaltung?
Wo bleibt die Neugier auf Neues?
Wo sind die wirklich interessierten geblieben?
Bricht da jetzt der Ungeist wieder aus uns hervor?

Lügenpresser pressen Lügenpresse
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Lügenpresse
Lügenpresser
Lügenpresser pressen
Lügenpresser pressen Lügen
Lügenpresser pressen Lügenpresse
Lügenpresser pressen
dass Presse(n) lügen
das Pressen
der Lügenpresser
lügt

Eco: welch ein Verlust
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wittgensteiner
Ich kenne zwar nicht die ganze Literatur von Umberto Eco, doch das, was ich gelesen habe, hat mich immer beeindruckt.

Erst im Dezember 2010 hat er in der Frankfurter Rundschau noch davon gesagt: „Ich will nicht unter Berlusconi sterben“

Das hat er ja geschafft, doch bedaure ich seinen Tod sehr.

Auch hier haben wir wieder eine Grenze der Interpretation, wie er sie in "Die Grenzen der Interpretation. Aus dem Ital. v. Günter Memmert, München, Wien: Hanser 1992" darstellt:

Einleitung

Zu Beginn seines Mercury, Or the Secret and Swift Messenger, 1641, erzählt John Wilkins folgende Geschichte:

Wie seltsam diese Kunst der Schrift bei ihrer ersten Erfindung erschienen sein mag, können uns jene vor kurzem entdeckten Amerikaner klarmachen, die sich darüber wunderten, daß die Menschen mit den Büchern redeten, und denen es schwerfiel zu glauben, daß das Papier reden könne...

Es gibt dazu eine schöne Geschichte über einen indischen Sklaven, den sein Herr mit einem Korb Feigen und einem Brief losschickte und der auf dem Weg einen großen Teil dieser Feigen verspeiste und den Rest der Person übergab, für die sie bestimmt waren; diese beschuldigte, als sie den Brief empfing und nicht die darin angegebene Menge Feigen fand, den Sklaven, sie gegessen zu haben, und teilte ihm mit, was der Brief gegen ihn ausgesagt hatte. Aber der Inder leugnete (trotz dieses Beweises) rundheraus die Tatsache und beschimpfte den Brief als einen falschen und lügenhaften Zeugen. Als er später wieder mit einer gleichartigen Last losgeschickt wurde und mit einem Brief, in dem stand, wie viele Feigen er abliefern sollte, aß er wiederum, wie beim erstenmal, auf dem Weg einen großen Teil der Feigen. Doch bevor er sie anrührte, nahm er (um jede mögliche Anklage zu verhindern) den Brief, versteckte ihn unter einem Stein und beruhigte sich mit dem Gedanken, daß dieser, wenn er ihn beim Essen der Feigen nicht gesehen habe, auch nicht davon erzählen könne; als er sich aber dieses Mal noch härter als vorher angeklagt sah, gestand er seine Schuld und versprach für die Zukunft die größte Zuverlässigkeit bei jedem Auftrag (3. Aufl. London, Nicholson, 1707, SS. 3-4)

Diese Stelle bei Wilkins klingt ganz gewiß anders als viele Stellen bei modernen Autoren, die die Schrift als bestes Beispiel für Semiose auffassen und jeden geschriebenen (oder gesprochenen) Test als eine Maschine, die eine „unendliche Abdrift des Sinnes“ produziert. Diese modernen Theorien erheben gegen Wilkins indirekt den Einwand, daß ein Text, sobald er von seinem Absender (und dessen Intentionen) und von den konkreten Umständen seiner Emission (und folglich auch von seinem intendierten Referenten) losgelöst sei, sozusagen in einem unendlichen Raum möglicher Interpretationen umhertreibe. Kein Text könne folglich gemäß der Utopie eines definiten, originalen und finalen autorisierten Sinnes interpretiert werden. Die Sprache sage immer mehr als ihr unzugänglicher wörtlicher Sinn, der schon vom Beginn der Emission des Textes an verloren sei.
Haben wir da heute nicht inzwischen wieder ein Rückschritt gemacht, dass wir die Texte nicht mehr lesen und verstehen können, während wir uns an Bildern, ob bewegt oder unbewegt, an diesen ergötzen - ohne wie wirklichen Hintergründe und Verhältnisse mehr erkennen zu können

Buchhandlung: Nahost Mafia Terrorismus USA
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In einer Buchhandlung kürzlich diese Zusammenstellung gefunden:
        Nahost                Mafia                 Terrorismus                                                  USA
Ein Schelm, wer da einen Zusammenhang erkennen will!


Stundenplan: glücklichsein
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Kürzlich in der Galerie 5 in der Gertrudenstraße diese Objekt von Jan M. Petersen gesehen:

Eine besondere Spannung ergibt sie mit dem "glücklichsein", wenn daneben ein barbusiges Pinup-Girl steht:

Elie Fares: "Sind arabische Leben weniger wert?"
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Elie Fares fragt laut diesem Artikel bzw. der Übersetzung seines Blogeintrages in der Süddeutschen Zeitung, ob die arabischen Leben, die tags zuvor in Beirut durch zwei Selbsmordattentäter ermordet worden sind, weniger wert seien, als die Opfer in Paris.

Er hat Recht. Wie beschämend für uns, dass wir das nicht (mehr) sehen.

Beirut, der Libanon, braucht ebenso Frieden wie Paris.

Ich habe deshalb die libanesische Flagge, mit einem Peace-Zeichen versehen:
 
Quelle der Flagge war Wikipedia: „Flag of Lebanon“ von Traced based on the CIA World Factbook with some modification done to the colours based on information at Vexilla mundi.. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Flag_of_Lebanon.svg#/media/File:Flag_of_Lebanon.svg

sueddeutsche.de16. November 2015, 17:21 Blogeintrag zu Terroropfern

Sind arabische Leben weniger wert?

Weltweite Trauer um die Opfer von Paris - aber was ist mit denen, die einen Tag zuvor im Libanon zerfetzt wurden? Der Arzt Elie Fares aus Beirut traf mit einem Blogbeitrag einen Nerv. Lesen Sie seine Klage auf SZ.de.

Elie Fares ist 26 Jahre alt und Arzt in Beirut. Am Samstag sprach er mit einem Beitrag auf seinem Blog vielen Arabern aus dem Herzen: Die Welt fühle mit den Toten von Paris, Terroropfer in arabischen Ländern ignoriere sie aber. Der Text wurde mehr als eine Viertelmillion Mal auf Facebook geteilt, tausend Male getwittert - auch wenn andere Beobachter bestreiten, Medien hätten den Anschlag in Beirut vom Donnerstag ignoriert. Mit Genehmigung von Fares veröffentlicht SZ.de den Text auf Deutsch.

Als ein Freund mir nach Mitternacht sagte, ich solle mir die Nachrichten aus Paris ansehen, hatte ich erst einmal keine Ahnung, dass ich den Stadtplan einer Stadt sehen würde, die ich liebe, nur dass er die Tatorte mehrerer gleichzeitiger Terrorangriffe zeigte. Ich zoomte näher heran. Einer der Tatorte lag genau dort, wo ich 2013 gewohnt hatte, auf demselben Boulevard.

Je länger ich las, desto höher stieg die Zahl der Toten. Es war schrecklich; es war entmenschlichend; es war völlig und unwiderruflich hoffnungslos: 2015 endete so, wie es begonnen hatte - mit Terroranschlägen, die im Libanon und in Frankreich beinahe zur selben Zeit stattfanden - ausgeführt von verrückten Kreaturen, die Hass, Angst und Tod verbreiteten, wohin sie auch gingen.

Heute Morgen bin ich aufgewacht und zwei Städte waren zerbrochen. Meine Freunde in Paris, die noch gestern gefragt hatten, was denn in Beirut passiert sei, lernten nun plötzlich die andere Seite kennen. Unsere beiden Hauptstädte waren zerbrochen und vernarbt. Für uns hier waren das vielleicht alte Nachrichten, für sie aber Neuland.

Mehr als 128 unschuldige Zivilisten aus Paris sind nicht länger bei uns. Am Tag zuvor waren 45 unschuldige Zivilisten aus Beirut nicht länger bei uns. Die Opferzahlen steigen, aber wir lernen offenbar nie dazu.

Wir sind nicht wirklich wichtig

In all dem Chaos und der Tragödie nagte ein Gedanke an mir und wollte meinen Kopf nicht verlassen. Es ist derselbe Gedanke, der in meinem Schädel nach jedem dieser Ereignisse widerhallt, die mittlerweile leider immer wieder passieren: Wir sind nicht wirklich wichtig.

Als meine Leute am 12. November auf den Straßen Beiruts in Stücke gesprengt wurden, lautete die Schlagzeile: "Explosion in Hisbollah-Hochburg", als könnte der politische Hintergrund einer urbanen Gegend den Terror irgendwie in einen Kontext einordnen.

Als meine Leute am 12. November auf den Straßen Beiruts starben, standen die Führer der Welt nicht auf und verurteilten das. Es gab keine Statements, in denen Sympathie mit dem libanesischen Volk ausgedrückt wurde (Anm. d. Red: UN und Barack Obamas Nationaler Sicherheitsrat äußerten sich allerdings sehr wohl). Es gab keine weltweite Empörung darüber, dass unschuldige Menschen, deren einziger Fehler war, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, nie so etwas passieren sollte oder dass ihre Familien niemals auf solche Weise zerstört werden sollten. Religion oder politischer Hintergrund eines Menschen sollten nicht darüber entscheiden, ob man erschrocken ist, dass sein Körper auf dem Zementboden verbrennt.

Obama gab keine Mitteilung dazu heraus, dass ihr Tod ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei; was ist Menschlichkeit überhaupt außer einem subjektiven Ausdruck, der den Wert eines bestimmten menschlichen Wesens bestimmen soll?

Stattdessen verkündete ein amerikanischer Möchtegern-Senator, wie glücklich er sei, dass meine Leute gestorben sind, dass die Hauptstadt meines Landes zerschmettert wurde, dass Unschuldige ihr Leben verloren und dass die Opfer Menschen aus allen möglichen Hintergründen gewesen waren.

Als meine Leute starben, hielt es kein Land für nötig, seine Sehenswürdigkeiten in den Farben seiner Flagge zu beleuchten. Nicht einmal Facebook hielt es für nötig, dass meine Leute sich als "sicher" markieren konnten, so banal das auch sein mag. Hier ist euer Facebook-Safety-Check: Wir haben, zum jetzigen Zeitpunkt, alle Terrorangriffe in Beirut überlebt.

Als meine Leute gestorben sind, hat das die Welt nicht in Trauer gestürzt. Ihr Tod war nicht mehr als ein irrelevanter Tupfen im internationalen Nachrichtenzyklus, etwas, das eben in diesen Teilen der Welt passiert.

Und wisst ihr was, das ist okay für mich. Im vergangenen Jahr habe ich mich damit abgefunden, eines von den Leben zu führen, die egal sind. Ich habe gelernt, es zu akzeptieren und damit zu leben.

Stellt euch darauf ein, dass in den kommenden Tagen die Islamophobie in der Welt wieder ansteigt. Stellt euch auf Artikel darüber ein, dass Extremismus keine Religion hat und darüber, dass die Mitgleider des Islamischen Staates keine echten Muslime sind, und das sind sie sicher nicht, denn kein Mensch mit auch nur einem Funken Moral in sich würde solche Dinge tun. Der IS hat islamophobe Reaktionen eingeplant, die er dann benutzen kann, um seinen höllischen Finger auszustrecken und jedem empfänglichen Geist, der ihm zuhört, zu sagen: Schau, sie hassen uns.

Nur wenige sind fähig, darüber zu stehen.

Stellt euch darauf ein, dass Europa in den kommenden Tagen versuchen wird, mit wachsender Ablehnung gegen die Flüchtlinge klarzukommen, die in seine Länder strömen, mit den Fingern auf sie zeigen wird und sie beschuldigen wird, schuld an der Nacht des 13. November in Paris zu sein. Wenn Europa nur wüsste, dass für diese Flüchtlinge jede Nacht in den vergangenen zwei Jahren so war wie die Nacht des 13. November in Paris. Aber schlaflose Nächte sind nur wichtig, wenn dein Land es schafft, dass die ganze Welt in den Farben seiner Fahne erstrahlt.

Wenn das die Normalität ist, soll sie zur Hölle fahren

Noch schrecklicher an der Reaktion auf die Pariser Terrorangriffe war aber, dass manche Araber und Libanesen trauriger darüber waren, was dort passierte, als über das, was am Tag zuvor in ihrem eigenen Hinterhof passiert ist. Sogar unter meinen Leuten gibt es das Gefühl, dass wir nicht so wichtig sind, dass unsere Leben nicht so wertvoll sind und dass wir es, nicht einmal ein bisschen, verdient haben, dass unsere Toten kollektiv betrauert werden und für sie gebetet wird.

Es ergibt vielleicht Sinn, dass Libanesen, die eher Paris besuchen als Dahyeh (Dahieh oder Dahyeh: die südlichen Vororte, zu denen auch der Anschlagsort Bourj el-Barajneh gehört; Anm. d. Red.), sich mehr um Ersteres scheren als um Letzteres, aber viele der Leute, die ich kenne, die am Boden zerstört sind wegen des Chaos in Paris, geben einen Scheißdreck darauf, was 15 Minuten von ihrem Wohnort entfernt mit Menschen passiert, denen sie vielleicht schon einmal begegnet sind, als sie durch vertraute Straßen liefen.

Wir können darum bitten, dass die Welt doch Beirut für genauso wichtig halten soll wie Paris, oder dass Facebook für uns einen "Safety Check"-Button einführt, den wir jeden Tag benutzen können, oder darum, dass Menschen sich überhaupt um uns sorgen. Aber die Wahrheit ist, wir sind ein Volk, das sich nicht einmal um sich selbst sorgt. Wir nennen es Gewöhnung, aber das ist es nicht wirklich. Wir nennen es "neue Normalität", aber wenn das die Normalität ist, soll sie zur Hölle fahren.

In einer Welt, die sich nicht um arabische Leben schert, stehen Araber in der vordersten Frontlinie.

Übersetzung: Jannis Brühl

URL: http://www.sueddeutsche.de/digital/blogeintrag-zu-terroropfern-sind-arabische-leben-weniger-wert-1.2739151


Juan Moreno: "Wir sind nicht im Krieg"
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Danke für diesen Kommentar!

"Wer 'Krieg' sagt, oder gar 'totaler Krieg', der will Handlungsfreiheit. Krieg rechtfertigt Mittel. Bürgerrechte werden eingeschränkt, Überwachung ausgedehnt, Grenzkontrollen verschärft. Krieg duldet keinen Widerspruch. Krieg ist das, was nach dem Reden kommt. Wer dann noch widerspricht ist kein Kritiker mehr, er ist Verräter."

Wie wahr!

Kommentar - Die Pariser Anschläge: Wir sind nicht im Krieg

Von Juan Moreno

Nach Anschlägen wie diesen in Paris gibt es gewisse Rituale, Gesetzmäßigkeiten, die sich immerzu wiederholen. Eine davon ist, dass man vom "Krieg" spricht.


Juan Moreno, Politikum - Das Meinungsmagazin

Nach den Anschlägen vom 11. September war das der Fall. Nach denen in Madrid, in London und jetzt wieder. Nicolas Sarkozy, 2012 abgewählter französischer Präsident und dank der beeindruckend schlechten Präsidentschaft seines Nachfolgers Hollande, möglicherweise bald wieder an der Macht, erklärte: "Der Krieg, den wir führen müssen, muss total sein." Und Hollande? Er sprach von einem "kriegerischen Akt", verhängte drei Monate Ausnahmezustand und befahl Luftangriffe auf vermeintliche Stellungen des IS in Syrien. Angriffe, die den Gegner hart treffen sollten, hieß es, und bei denen man sich fragt, warum sie dann nicht schon eher geflogen wurden.

So verständlich es ist, dass viele in Frankreich - und bei uns - jetzt vom Krieg sprechen, so falsch ist es. Wenn wir in Europa von Krieg reden, in Deutschland, in England, auf der Iberischen Halbinsel, dann haben die meisten Menschen, zumal wenn sie älter sind, sehr klare Vorstellungen davon. Zerstörte Innenstädte, Väter und Söhne, die nicht zurückkommen, flächendeckende Panik. Das verbinden Menschen in Europa mit Krieg. Wir sind das geworden, was wir sind, freiheitsliebend, tolerant, verfassungstreu - wegen des Krieges. Auf die Frage, was ist Krieg, wird kaum jemand sagen: Eine Bande von widerwärtigen Mördern, die unbewaffnete Konzert- und Restaurantbesucher massakriert.

Gegen wen führen wir Krieg?

Wenn es stimmt, dass wir nach den Angriffen von Paris im "Krieg" sind, im "totalen Krieg" gar, dann müsste man doch diese Fragen beantworten können. Gegen wen führen wir ihn denn, diesen Krieg? Gegen den Islamischen Staat? Nein, tun wir nicht. Denn wir schauen ja seit 2011 dabei zu, wie er ein eigenes Territorium aufbaut. Niemand hat vor, wirklich in Syrien mit Bodentruppen einzumarschieren und in den Häuserkampf um Aleppo einzugreifen. Auch nicht Frankreich. Das wäre dann Krieg.

Keiner will das. Stattdessen liefern Frankreich und Deutschland Kriegsgerät nach Saudi Arabien, ein Land aus dem aller Wahrscheinlichkeit nach beträchtliche Mittel Richtung IS geflossen sind. Oder Katar? Auch hier wurden lange Zeit salafistische Stiftungen geduldet, die mehr oder weniger offen sunnitische Krieger unterstützen. Was machte der Westen? Krieg? Nein, er übergab dem Land die Austragung einer Fußball-WM. Also - noch mal: Gegen wen führen wir Krieg?

Krieg duldet keinen Widerspruch

Vielleicht doch gegen junge Muslime, die hier teilweise in der dritten Generation leben und glauben, nur mit einem falsch verstandenen Islam und einem Sprengstoffgürtel etwas gegen ihre real existierende Perspektivlosigkeit tun zu können? Abgesehen davon, dass man nicht gegen die eigenen Bürger Krieg führen sollte: Gegen diese jungen Männer kann man sich nicht schützen. So einfach ist das. Frankreich kontrolliert seine Bürger so sehr, wie kaum ein anderes demokratisches Land auf der Welt. Paris ist voller Überwachungskameras, die Gesetzte zur Vorratsdatenspeicherung klingen wie die Wunschliste des BND.

Der Begriff Krieg hat nach solchen Anschlägen nur eine einzige Funktion: Wer "Krieg" sagt, oder gar "totaler Krieg", der will Handlungsfreiheit. Krieg rechtfertigt Mittel. Bürgerrechte werden eingeschränkt, Überwachung ausgedehnt, Grenzkontrollen verschärft. Krieg duldet keinen Widerspruch. Krieg ist das, was nach dem Reden kommt. Wer dann noch widerspricht ist kein Kritiker mehr, er ist Verräter. So unendlich schwer es klingen mag, das den 129 Familien der Opfer beizubringen: Wir sollten nicht behaupten, dass wir den Mördern den Krieg erklären.

http://www.wdr5.de/sendungen/politikum/kommentar/paris-attentate-is-100.html

"Semi-Service"
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In einem Restaurant (?) diesen Hinweis auf deren Service - äh: "Semi-Service" gefunden:

Ob damit eine neue Dienstleistungsära eingeleitet werden soll?
Der Kunde leistet die Dienste an sich selbst und es wird dann als "Semi-Service" tituliert, was der eigentliche Dienstleister noch leistet, sofern man da noch von "leisten" sprechen kann.
Aber immerhin ist dieses Bekenntnis noch ehrlich:
Die 'Vorsilbe' "semi" sagt ja, dass es nur "halb" Service ist!
Er macht also ganze Sachen mit den halben Sachen!


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