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Wittgensteiner Livejournal

Ein Wittgensteiner (Roland Treude) auf Abwegen


Versuch über die Straßenverkehrs-Ordnung und deren Gleichmachen, das geradezu ungerecht wird
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Bei dem aktuellen Verkehrsgeschehen kommt mir immer wieder der Gedanke, dass die Straßenverkehrs-Ordnung (StVO) ungerecht ist. Denn sie nivelliert alle sonstigen sozialen Errungenschaften.

Allein die Grundregeln des $1 der Straßenverkehrs-Ordnung sind hier schon eine Zumutung:

Es wird eine ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht verlangt: (1) Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.“

Das Verhalten im Verkehr soll keine Anderen schädigen, gefährden, behindern oder belästigen: (2) Wer am Verkehr teilnimmt hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.“

Oder im § 2 Abs. 5 Straßenbenutzung durch Fahrzeuge wird die „besondere Rücksicht auf zu Fuß Gehende, gefordert, wenn man davon absieht, dass sogar die Geschwindigkeit an den Fußgängerverkehr angepasst werden muss: „(…) Auf zu Fuß Gehende ist besondere Rücksicht zu nehmen. Der Fußgängerverkehr darf weder gefährdet noch behindert werden. Soweit erforderlich, muss die Geschwindigkeit an den Fußgängerverkehr angepasst werden. (…).“

Auch der § 3 Geschwindigkeit maßregelt mich wieder im Absatz 2a: „Wer ein Fahrzeug führt, muss sich gegenüber Kindern, hilfsbedürftigen und älteren Menschen, insbesondere durch Verminderung der Fahrgeschwindigkeit und durch Bremsbereitschaft, so verhalten, dass eine Gefährdung dieser Verkehrsteilnehmer ausgeschlossen ist.“

Der Stärker ist der, der auf den Schwächeren Rücksicht nehmen muss.

Da hat sich jemand in seinem sozialen Status hoch gearbeitet - zum Beispiel, indem er einen leistungsstarken Wagen fährt, und muss dann auf die schwächeren Verkehrsteilnehmer Rücksicht nehmen – als da wären die Fußgänger, besonders die Kinder.

Da kommt der SUV-Fahrer, der ja offensichtlich mehr Recht auf Straße hat als die anderen Verkehrsteilnehmer, an eine rechts vor links Kreuzung und muss dem von rechts kommenden Panda die Vorfahrt gewähren.

Da kommt der posierende Fahrer mit seinem getunten Machomobil an ebenso eine rechts vor links Kreuzung und muss den von rechts kommenden Radfahrer die Vorfahrt gewähren. Dabei haben doch eigentlich die Fahrer dieser protzenden Wagen einen höheren Status – zumindest in deren eigenen Ansehen.

Das ist doch für solch Erhabene ungerecht, dass die StVO sie gleich macht, alle ausnahmslos – wenn man für Sonderrechte bei Polizei, Feuerwehr und den Rettungswagen absieht. Hier gibt es weitergehende Vorrechte, die im Interesse der Allgemeinheit stehen oder der Rettung von Leib und Leben dienen. (Dass es dann solch „Erhabene“ gibt, die sich ohne weitere Legitimation Blaulichter anschaffen und zum Einsatz bringen, um ein solches Vorrecht für sich durchzusetzen, soll nur erwähnt sein.)

Egal wie hoch ihr Status in ihren Augen ist, egal wie mächtig ihr Vehikel ist, egal wie gewaltig sie fahren, sie alle müssen die Regeln achten, bei der roten Ampel stoppen, den anderen, so schwach sie auch sind und so wenig sie auch posen und protzen, die Vorfahrt gewähren.

Entsprechend ist die StVO aus Sicht der Machomobilisten ungerecht. Sie behindert deren Vormachtstreben, behindert sie in deren Aggressionsausübung. Ja, ein Vehikel, das derart über mehr Leistung und Volumen verfügt, ist meines Erachtens ein Akt der Aggressionsausübung im öffentlichen Straßenverkehr. Harald Welzer hat das in einem Beitrag vom 28.08.2016 im Deutschlandfunk präzisiert:

Wie es übrigens auch als sozial erwünscht gelten kann, mit riesigen Geländewagen durch deutsche Innenstädte zu pflügen, als sei überall Bagdad oder Kabul, wozu übrigens neuerdings noch das furchterregende und augenverletzende Lichtdesign hinzukommt. Man mag am liebsten gar nicht hinsehen, es macht ja auch Angst und soll es. Die Insassen sitzen übrigens nahezu unsichtbar hinter immer kleiner werdenden Scheiben, am besten noch abgedunkelt. Man zeigt nicht mehr, wer man ist, sondern was man anrichten könnte.“
http://www.deutschlandfunkkultur.de/motivation-von-attentaetern-und-amoklaeufern-wir-leben.2162.de.html?dram%3Aarticle_id=364264

Angesichts ihrer Machomobile haben sie vermeintlich mehr Recht auf Straße, Geschwindigkeit, Durchsetzung ihrer Fahrt. Nur die StVO hindert sie daran.

Die StVO behindert sie in ihrem Posen und Protzen, Dröhnen und quietschendem Gejammer. Deshalb wird die StVO für sie unsozial. Sie macht das Ungleiche gleich, gibt dem Schwächeren Rechte und damit Kraft, obwohl er ja so schwach und schmächtig ist, nicht über eine solche Power verfügt, wie sie von sich denken. Dabei nutzen sie doch nur die Power ihrer Geräte und schreiben sie sich deshalb zu, ohne je eine solche Power zu haben.

Hierbei muss ich immer wieder an Albert Schweitzer denken, der in seiner Rede bei der Entgegennahme des Nobel-Friedenspreises in Oslo am 4. November 1954 folgenden Ansatz vertreten hat:

Wagen wir die Dinge zu sehen, wie sie sind. Es hat sich ereignet, daß der Mensch ein Übermensch geworden ist. Sein Übermenschentum besteht darin, daß er auf Grund seiner Errungenschaften des Wissens und Könnens nicht nur über die in seinem Körper gegebenen physischen Kräfte verfügt, sondern auch solchen, die in der Natur vorhanden sind, gebietet und sie in Dienst nehmen kann. (...)

Der Übermensch leidet aber an einer verhängnisvollen geistigen Unvollkommenheit. Er bringt die übermenschliche Vernünftigkeit, die dem Besitz übermenschlicher Macht entsprechen sollte, nicht auf. Dieser bedürfte er, um von der von ihm errungenen Macht nur zur Verwirklichung des Sinnvollen und Guten, nicht auch zum Töten und Vernichten Gebrauch zu machen. Darum sind ihm die Errungenschaften des Wissens und Könnens mehr zum Verhängnis als zum Gewinn geworden.
(...)

Was uns aber eigentlich zu Bewußtsein kommen sollte und schon lange zuvor hätte kommen sollen, ist dies, daß wir als Übermenschen Unmenschen geworden sind.

Albert Schweitzer: Friede oder Atomkrieg. Vier Schriften. Mit einem Vorwort v. Erhard Eppler. München: Beck, 1981. S. 20 ff.

Und wenn ich schon bei Albert Schweitzer bin, sollte ich abschließend auf seine „Ehrfurcht vor dem Leben“ kommen und daraus eine 'Ehrfurcht vor den Verkehrsteilnehmern' postulieren. Denn wir alle habe ein Recht auf Mobilität – nicht Automobilität.

Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“

Albert Schweitzer: Die Ehrfurcht for dem Leben. Grundtexte aus fünf Jahrzehnten. Hrsg. v. Hans Walter Bähr. München: Beck 1982. S. 21

Eine Ehrfurcht vor den Verkehrsteilnehmern könnte vielleicht laut:
Ich bin Verkehrsteilnehmer, der sich bewegen will, inmitten von Verkehrsteilnehmern, die sich bewegen wollen.
Daraus folgt meines Erachtens ein Gebot der Rücksichtnahme auf die anderen Verkehrsteilnehmer, wie sie eben in der Straßenverkehrs-Ordnung gefordert wird.
Ein Toast auf die Straßenverkehrs-Ordnung!


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